1999 - Eisenbahn Magazin 8

Eine traumhaft schöne HO-Modelleisenbahn-Anlage, die nicht nur durch ihre Großfläche von 150 m², sondern vor allem durch ihre exzellente Landschafts- und Detail-Gestaltung auf sich aufmerksam macht, steht im Lok Land Selbitz.

Mit Superlativen ist man in der heutigen Zeit schnell zur Hand. Vom "weltweit größten Event" bis zum "kultigen Mega-Erlebnis" reichen die anpreisenden Formulierungen im trendigen Neudeutsch nicht nur für Veranstaltungen, sondern vermehrt auch für Ausstellungen und Messen. Die Modellbahn bleibt davon nicht verschont. Immer mehr kommerzielle Ausstellungen und Anlagen-Präsentationen sollen die Besucher an die Kassen locken, schließlich ist die Modelleisenbahn für Groß und Klein nach wie vor ein Magnet. Unter dem Aspekt einer ersten Begegnung mit diesem faszinierenden technisch/gestalterischen Hobby

sind solche Ausstellungs-Anlagen sicherlich positiv einzuordnen. Doch oft erschöpfen sich die rollenden Zug-Angebote für den Betrachter in mehr oder weniger konzeptlosen Materialschlachten von Zügen, Gleisen, Bergbahnen, Fernsehtürmen und viel, allzuviel anderem Zubehör; die Chance der vorbild- und naturnahen Darstellung wird leider in solchen Fällen weitgehend vertan. Der Erfolg: Modellbahner und Besucher, die für die Modellbahn als Hobby interessiert werden könnten, sehen sich das ein einziges Mal an, und damit ist es dann genug. Schade um die Mühe und auch um die Kosten, die von manchem Planer und Erbauer in solch ein Projekt gesteckt werden. Die notwendigen Besucherzahlen für ein rentables Betreiben derartiger Groß-Anlagen sind über längere Zeiträume kaum zu halten.

 Wohl wissend um diese Probleme ließ sich Berthold Rakowitz aus dem oberfränkischen Selbitz ein für HO-Ausstellungs-Anlagen ungewöhnliches, aber erfolgversprechendes Konzept einfallen, um dessen Einhaltung und Verwirklichung er seit der Eröffnung von "Lok Land" (Ende 1996) engagiert bemüht ist. Seine Idee: Er wollte die Eisenbahn im Maßstab 1:87 in eine naturgetreue Landschaft einbeziehen, die den Betrachter immer wieder fasziniert und zum ständigen Entdecken neuer Details herausfordert.

Der eigentliche Zugbetrieb sollte, wie im "richtigen Leben", nicht die auf kleinen Modellbahn-Anlagen übliche, weil kaum vermeidbare, dominante Rolle spielen, sondern sich vorbildgerecht an der Landschafts-Konzeption orientieren und mit ihr zu einem wahren Augenschmaus für den Betrachter verschmelzen. Der Anreiz fürs Wiederkommen der Besucher resultiert in erster Linie aus der Tatsache, dass die fortschreitende Gestaltung der Landschaft (zur Zeit sind bereits etwa 30% der Gesamtfläche fertig gestaltet) für einen ständigen optischen Wandel der Anlage sorgt - der Besucher will wissen, wie es weitergeht. Im Lok Land ist noch auf Jahre im wahrsten Wortsinn der Weg das Ziel.

Modellbahner, die in der Hofer Straße 14 in Selbitz (nur etwa 200 Meter vom Bahnhof Selbitz entfernt) vor dem großen modernisierten ehemaligen Fabrik-Gebäude stehen, wundern sich im ersten Moment: Das Lok Land befindet sich im zweiten Obergeschoss eines Möbelhauses. Gewöhnlich denkt man eher an Keller-Atmosphäre im Zusammenhang mit Modellbahn-Anlagen und weniger an einen großen, hellen Raum von 500 m² Grundfläche. Die eigentliche Anlagenfläche, die gerade ein Drittel der Gesamtfläche einnimmt, lässt dem Besucher viel Freiraum (85 Meter Rundgang) für das Betrachten der HO-Anlage aus jedem Blickwinkel heraus. Neben den etwa 50 m² bereits fertig gestalteter Landschaft bleibt der Blick "unter die Kulissen" noch frei auf die geschickt entworfene Gleisanlage, die in weiten Teilen verdeckt verlaufen wird.

Die Gleisanlagen ruhen mit insgesamt 144 Füßen auf einem aus Glattkantbrettern gefertigten Grundgestell, das sich aus 36 Elementen zusammensetzt. Große Abstellbahnhöfe, zwei großzügige Gleiswendelstrecken mit je 60 Meter Gleislänge, ein kleiner Stadtbahnhof mit anschließendem großen Bahnbetriebswerk, der Nebenbahnhof einer abzweigenden eingleisigen Strecke und Paradestrecken mit Gleisradien von 5 Metern sind Eckpunkte der Gleisplanung.

Es macht wenig Sinn, den Gleisplan an dieser Stelle zu veröffentlichen, da er in seiner Gesamtheit kaum verwertbare Anregungen für den Bau einer privaten Modellbahn-Anlage hergibt. Auch die üblichen Material-Auflistungen sind in diesem Fall von zweitrangiger Bedeutung. Wenn man die Anlage betrachtet, schwindet schnell das tiefer gehende Interesse daran, dass hier 400 Meter Gleise, 100 Weichen (Fabrikat Roco-Line mit Schotterbett) und 14 Kilometer Kabel verlegt wurden, dass 50 Züge mit insgesamt rund 500 Wagen fahrbereit sind (Zuglängen bis zu 380 cm) und der Betrieb reibungslos mit betriebssicherer Elektronik (Fabrikat Gebhardt) abläuft. Dieser "zweitrangige" Hinweis auf die perfektionierte Betriebstechnik der HO-Anlage kann keineswegs die enorme Leistung schmälern, die Berthold Rakowitz mit Unterstützung seiner Familie und einiger weniger sehr engagierter Helfer bis heute gezeigt hat, sie weist vielmehr hin auf das ungewöhnlich hohe Niveau der landschaftlichen Gestaltung dieser Groß-Anlage, das eindeutig im Vordergrund des Betrachter-Interesses steht.

 
Das, wovon der Modellbahner träumt, sieht er hier im Lok Land verwirklicht: eine Modelleisenbahn-Anlage mit ganz normalem Konzept, praktisch ähnlich den eigenen Planungs-Ideen, aber in mehr als zwanzigfacher Größe einer Heim-Anlage, ohne dabei die Gestaltung und die sichtbaren Gleisanlagen auf das Zwanzigfache erweitert zu haben. Das ist das Geheimnis und das Erfolgsrezept von Lok Land: Eine ganz normale Modellbahn-Anlage durch vielfaches Vergrößern der Fläche naturgetreuer und um ein Vielfaches vorbildähnlicher zu gestalten als dies bei den meisten anderen Groß-Anlagen auch nur im Ansatz erkennbar wird. So wird aus einem 40 cm-Gleisradius ein 5 m-Radius, aus einer Wiese von einem Viertel-Quadratmeter eine solche mit realistischen zwei Quadratmetern und aus einem Mini-Bauernhaus ein richtiges Gehöft mit zugehörigen Stallungen, Scheunen, Ställen, Innenhof und Garten. Findet man auf einer normalen Heim-Anlage mindestens zwei Bahnhöfe, so sind es in Lok Land trotz zwanzigfacher größerer Fläche auch nur zwei Bahnhöfe. Diese besondere Art der überaus besonnenen Flächennutzung fasziniert den Modellbahner und jeden anderen Besucher, weil sie hier Vorbildnähe und Realismus erleben und sehen können. Kein Wunder, dass Lok Land seit seiner Eröffnung bereits auf viele Stammgäste zählen kann, die in regelmäßigen Abständen in Selbitz hereinschauen, um Vorhandenes in Details immer wieder neu zu entdecken und den zügigen Fortgang der Gestaltung zu begutachten und zu bewundern.
 

Zugbewegung: Ein Dampfzug mit Baureihe 23 und vierachsigen Umbauwagen (Roco) begegent auf dem Gegengleis einer E 10 mit grünen Reisezugwagen der Epoche 3.

 
Die Frage nach der betrieblichen Epoche in Lok Land sieht Berthold Rakowitz nicht im üblichen Sinn gestellt, denn auf einer Ausstellungs-Anlage mit unterschiedlichsten Besucher-Erwartungen müssen neben Dampfloks der Epoche 3 auch moderne ICE der Epoche 5 laufen. Durch die Vielzahl der auf Abruf in den Schattenbahnhöfen stehenden Züge ist das leicht möglich. Mal gibt es ein Epoche-3-Programm mit langen dampflokbespannten Zügen (mit bis zu zwölf Reisezugwagen) der fünfziger Jahre und wenige Minuten später spurten schnelle (und vorbildlich lange!) ICE über elegant-großzügige Radien, um dann Minuten später irgendwo im Untergrund wieder abzutauchen. Artreine Güterzüge von "erschreckender" Länge und kurze Nah-Güterzüge entsprechen in ihrem Erscheinungsbild ebenfalls kompromisslos ihren Vorbildern. Wer das sieht, dem glänzen die Augen. Aber kein Neidgefühl kann da aufkommen nach dem Motto: "Soviel Platz müsste man haben, dann könnte ich auch...". Denn jeder weiß oder ahnt zumindest, welche Arbeitsmenge dahintersteckt, um das alles zu realisieren und in Betrieb zu halten. Berthold Rakowitz ist ein echter Modellbahner, der keine Kompromisse durchgehen lässt. Dabei wäre das in dieser Anlagen-Dimension durchaus verständlich und in Teilen sogar akzeptabel, aber im Lok Land kann man auch mit der Lupe am Anlagenrand oder mit einem kleinen Fernglas in Anlagenmitte jedes Detail kritisch betrachten - es passt!

Nicht nur perfekt-realistische Landschaft hat Lok Land zu bieten, auch die Betriebstechnik, derzeit noch in weiten Partien eingehend zu besichtigen, baut auf Perfektionismus, um einen reibungslosen Ausstellungsbetrieb zu garantieren. Die im Bild gezeigte Gleiswendel mit insgesamt 60 Metern Gleislänge ist elektronisch in mehrere Anschnitte aufgeteilt, so dass sich Züge schon in diesem Bereich "rückstauen" lassen, um die Abstellbahnhöfe zu entlasten. Immerhin können im Lok Land bis zu 50 komplette Zuggarnituren einsatzbereit gehalten werden. Der Betrieb läuft ohne Digital-Technik mit herkömmlichen Elektronik-Bausteinen der Firma Gebhardt.
Im übrigen ist ein Ausflug zum "Lok Land" auch gut mit anderen Aktivitäten in landschaftlich reizvoller Umgebung zu verbinden: Nicht weit ist es von Selbitz zum Deutschen Dampflok-Museum in Neuenmarkt-Wirsberg oder zur Frankenwald-Rampe zwischen Pressig und Probstzella. Denn Landschaft und Eisenbahn sind nicht nur im Lok Land hervorragend präsent, auch das Vorbild hat (noch) so manche interessante Strecke im Frankenwald, Fichtelgebirge und südlicher Thüringer Wald zu bieten.
 

Klein wirkt die Roco-Schienenbus-Garnitur auf der großen Kibri Fischbauträger-Brücke, die sich auf steinernen Pfeilern hoch über ein Gebirgsbachtag schwingt. Die Landschafts-Gestaltung zeigt typischen fränkischen Mittelgebirgs-Charakter und unterstreicht in Ihrer Tiefenwirkung die großzügige Flächennutzung.